Dietmar - Indianer-Mythen


Der Bruch zwischen Tier und Mensch

Vor langer, langer Zeit konnten die Tiere sprechen und lebten einvernehmlich mit den Menschen. Aber die Menschen vermehrten sich so schnell, dass die Tiere in den Wald und in die Wüsten der Erde zurückgedrängt wurden, und bald war auch die alte Freundschaft zwischen ihnen vergessen. Die Erfindung tödlicher Waffen, mit denen die Menschen bald ein Gemetzel unter den Tieren anfingen, um sich mit Fleisch und Fell zu versorgen, machte den Bruch zwischen Mensch und Tier noch größer.

Die Tiere waren zuerst überrascht, wurden aber bald zornig und beschlossen, sich zu rächen. Der Stamm der Bären hielt eine Ratsversammlung ab, bei der ihr Häuptling, Alter Weißer Bär, den Vorsitz führte. Nachdem mehrere Sprecher die Blutrünstigkeit der Menschen angeprangert hatten, beschlossen sie einstimmig, ihnen den Krieg zu erklären. Da es ihnen aber an Waffen fehlte, war dies nicht so einfach. Es wurde daher vereinbart, die Menschen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Da man Pfeil und Bogen für die gefährlichsten Waffen hielt, entschied man, ein Exemplar davon herzustellen. Man suchte ein geeignetes Stück Holz, und einer der Bären opferte sich selbst, um eine Darmsaite für den Bogen zu liefern. Als die Waffe fertig war, merkte man, dass die Bärenklauen beim Schießen hinderlich waren. Einer von den Bären schnitt seine Krallen ab, aber Alter Weißer Bär bemerkte klugerweise, dass sie ohne Krallen weder auf Bäume klettern noch Wild erlegen könnten. Würden sie ihre Kralle abschneiden, müssten sie alle verhungern.

Auch das Wild hielt eine Ratsversammlung unter seinem Häuptling Kleiner Hirsch. Man beschloss, dass diejenigen Jäger, die einen von ihnen ohne Bedauern erschlagen würden, mit Rheumatismus geplagt werde sollten. Diesen Beschluss verkündigten sie in der nächsten Indianersiedlung und informierten die Menschen, wie sie das Leiden der Tiere linder könnten, falls sie gezwungenermaßen einen Hirsch oder ein Reh töte müssten. Immer wenn einer von ihnen durch einen Jäger getötet würde Kleiner Hirsch zu dem Ort des Geschehens laufen und sich über die Blutstropfen beugen, um den Geist der Hirsche zu befragen, ob er ein Reuegebet des Jägers vernommen habe. Sollte die Antwort positiv sein, wäre alles in Ordnung und Kleiner Hirsch würde wieder nach Hause gehen; sollte die Antwort jedoch negativ sein, würde er den Jäger in seien Hütte schleppen und ihn mit Rheumatismus so schlagen, dass diese zeitlebens zum hilflosen Krüppel würde.

Die Fische und Reptilien hielten ebenso gemeinsam Rat. Sie vereinbar ten, die Menschen, die sie quälten, mit schrecklichen Träumen heimzusuchen.

Zuletzt trafen sich die Vögel und Insekten und alle kleineren Tiere zum gleichen Zweck. Die Raupe hatte den Vorsitz in dieser Versammlung. Jede brachte der Reihe nach seine Meinung zum Ausdruck, und alle sprachen sich einstimmig gegen die Menschheit aus. Sie dachten sich Leiden aus, mit denen sie die Grausamkeit der Menschen bestrafen wollten.

Als die Pflanzen, die den Menschen freundlich gesonnen waren, von dem Beschluss der Tiere hörten, waren sie entschlossen, deren böse Absichten zu vereiteln. Jeder Baum, jeder Busch und jedes Kraut, ja sogar das Gras, sie alle vereinbarten, ein Heilmittel gegen die genannten Krankheiten hervorzubringen. Sollte der Medizinmann Zweifel haben, welche Behandlung er für die Heilung eines Kranken anwenden solle, würde der Geist der Pflanzen ein passendes Medikament vorschlagen. Auf diese Weise entstand die Medizin.

 


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