Dietmar - Indianer damals und heute


Von Winnetou bis Leonard Peltier

"Die Weißen sind in dieses Land gekommen, um die eigentlichen Besitzer, die Indianer, daraus zu verdrängen. Es sind Ströme von Blut und Brandy vergossen worden, unter denen der Rassenmord bewerkstelligt wurde. Gewalt, List, Betrug, Wortbruch haben unausgesetzt daran gearbeitet, die Scharen, die die Prärien bevölkerten, zu lichten. Man jagt sie von Ort zu Ort, von Territorium zu Territorium. Kaum hat man ihnen ein neues Gebiet angewiesen, wo sie angeblich in Ruhe und Friede sollen, so findet man erneut irgendeinen Grund, sie wieder auf und fort zu jagen. Man verkauft ihnen Schwerspat als Mehl, Kohle als Pulver, Kinderflinten als Bärenbüchsen. Wollen sie sich das nicht gefallen lassen, so nennt man sie Empörer und schießt sie in Massen nieder. Ergeben sie sich in ihr Schicksal, so nennt ihr sie stumpfsinnig und verkommen. Wehren sie sich ihrer Haut, so heißt ihr sie Räuber und Mörder, die man ohne Gnade und Barmherzigkeit ausrotten müsse."
(Der "Dicke Jemmy" in: Karl May, Unter Geiern, TB S. 224)

(Links im Bild: Tatonka-Iyotake = Sitting Bull, Sioux-Häuptling, 1884)

Als Kind interessierte ich mich - wie damals wohl die meisten - für "Cowboys und Indianer", für Karl May und Winnetou. Damals ging es natürlich hauptsächlich um spannende Abenteuer. Heute ist mein Interesse an den Indianern wieder erwacht. Aber jetzt habe ich vor allem den Freiheitskampf der Ureinwohner gegen die fremden Eroberer und die Haltung dieser Ureinwohner gegenüber der Natur vor Augen. Der Blick richtet sich dabei nicht in erster Linie auf die Zeit Winnetous, sondern auf die Gegenwart. Heute interessieren mich vor allem die von Leuten wie Rüdiger Nehberg und Sting ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gebrachten Yanomani in Südamerika, die Zapatistas in Mexico und der in den USA seit über 25 Jahren unschuldig einsitzende Indianerrechtler Leonard Peltier. Insbesondere das hier zu Lande weitgehend unbekannte Unrecht, das FBI und US-Justiz seit einem Vierteljahrhundert an Peltier verüben, bewegt mich.

Die Indianer Nordamerikas im 19. Jahrhundert

Das Schicksal der Indianer Nordamerikas von der Besiedlung und Eroberung durch die "Pilgerväter" bis zu den letzten Schlachten des Sioux-Häuptlings Sitting Bull sind durch die Lederstrumpf-Erzählungen von J. F. Cooper, die Winnetou-Bände von Karl-May, Filme wie "Pocahontas" oder "Der mit dem Wolf tanzt" und durch die unzähligen Fernsehfilme in Deutschland mittlerweile weitgehend bekannt. Die wenigsten wissen jedoch , wie vielfältig und teilweise hoch entwickelt die Lebensweisen und Kulturen der unterschiedlichen Indianervölker auch in Nordamerika waren, wenngleich es Riesen-Städte und Pyramiden wie bei den Azteken und Maya in Mittelamerika und bei den Inka in Südamerika im Norden nicht gab.

Wer Sympathien für die Ureinwohner aufbrachte, der sah sieh meist als "edle Wilde", die aber dennoch durch die technisch überlegene Kultur der Weißen zum Untergang verdammt waren. Aber immerhin: Während J.F. Cooper und Karl May schon während der großen Vertreibungen und Abschlachtungen im 19. Jahrhundert den nordamerikanischen Indianer Sympathien entgegen brachten, waren die "Roten" in Zeiten des Kalten Krieges in US-Filmen zumeist blutrünstige Monster, die abgeschossen gehörten. Der Kampf der "guten" Weißen gegen die "bösen" Roten war zugleich der Kampf der westlichen Welt gegen den Weltkommunismus: Tecumseh, Geronimo und Crazy Horse waren zugleich Stalin, Mao und Ho schi-Minh.
(Bild rechts: Apachen-Krieger Geronimo)

Erst mit dem Protest gegen den Vietnam-Krieg, als dieselbe weiße Staatsmacht einen Eroberungskrieg gegen ein kleines unbotmäßiges Volk führte, und mit der allgemeinen Jugend- und Studentenrevolte, änderte sich ganz zaghaft auch in Hollywood die Darstellung der Indianer. Der Film "Little Big Man" von 1969 mit Dustin Hofman über die Schlacht am Wounded Knee, als die Sioux-Indianer, auch wehrlose Frauen und Kinder, von General Custer gnadenlos niedergemetzelt werden, legt davon Zeugnis ab. In "Der mit dem Wolf tanzt" geht es dann auch schon deutlich um die Lebensweise der Ureinwohner, womit ihr Verhältnis zu der sie umgebenden Umwelt verdeutlicht wird: Der Bison wird bei ihnen gejagt, weil sie ihn zur puren Existenz brauchen und alles an ihm verwerten, nicht um ihn aus Spaß abzuschießen oder - wie heute - erst mit den zermahlenen Knochen anderer Tiere zu füttern und anschließend zu Hunderttausenden abzufackeln. Auch in Disney-Produktionen wie "Pocahontas" wird der Gier der Weißen nach kurzfristigem Gewinn die naturverbundene Lebensweise der Indianer gegenüber gestellt.

Die Indianer Nordamerikas heute

Filme wie "Der mit dem Wolf tanzt" haben daher sicherlich einiges zum besseren Verständnis der indianischen Ureinwohner durch uns weiße Bewohner der nördlichen Erdhalbkugel beigetragen. Dennoch glaube ich nicht, dass über die Lage der Indianer, ihre vielfältige Kultur und ihre fortwährende Unterdrückung in den USA heute viel bekannt ist. Sehr zu meinem persönlichen Verstehen beigetragen hat Leonard Peltier und sein Buch "Mein Leben ist mein Sonnentanz".

Die Masse von "Winnetous Erben" lebt heute unter ärmlichen Verhältnissen in Reservaten. Die Arbeitslosigkeit ist ebenso hoch wie der Konsum von Feuerwasser und sonstigen Drogen, die Lebenserwartung und der Stand der Bildung gering. Einige Indianer verdingen sich als willfährige Diener und Aufpasser der Weißen in den Indianer-Reservaten. Ein anderer Teil der Indianer wurde assimiliert, wieder ein anderer Teil jobbt - gewissermaßen als "Gastarbeiter" im ursprünglich eigenen Land - in der Industrie. Am bekanntesten sind wohl die äußerst geschickten, mutigen und schwindelfreien Mohawk-Indianer, die seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts als Bauarbeiter-Akrobaten nicht mehr von den Baustellen der großen Wolkenkratzer nicht mehr weg zu denken sind.

(Mohawk auf Wolkenkratzer-Baustelle).

Seit den sechziger Jahren sind sich Angehörige verschiedener Stämme aber wieder ihrer kulturellen Identität, ihrer Geschichte, Sprache und Kultur bewusst geworden und haben sich organisiert. 1968 entstand das American Indian Movement (AIM), das für die Erfüllung der mit den Ureinwohnern geschlossenen Verträge durch die Weißen und für Selbstbestimmung eintrat. 1973 kämpften Krieger des AIM in der Gegend von Wounded Knee, wo 1890 General Custer das große Massaker angerichtet hatte, erneut bewaffnet für ihre Rechte. Nach 72 Tagen lenkten sie ein, wurden dann aber zwei Jahre lang von der Indianerpolizei GOON, weißen Schlägern und FBI-Agenten terrorisiert. Mehr darüber kann in den Informationen des Leonard-Peltier-Verteidigungskomitees nachgelesen werden.

Heute sind die Indianer in den Reservaten vor allem bemüht, neue Erwerbsquellen zu erschließen, Schulen zu bauen und die medizinische Versorgung zu verbessern, um aus eigener Kraft aus dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Unwissenheit, Alkoholismus und Kriminalität zu entkommen.

(Indianerfamilie im Reservat)

Dabei versuchen sie besonders, Lizenzen für Spielbanken auf ihrem Territorium zu erhalten. Das ist sicherlich ein zweischneidiges Schwert, aber es ist für sie sehr schwierig, anderweitig Finanzmittel aufzutreiben. Außerdem pochen sie auf die Einhaltung alt hergebrachter oder vertraglich fixierter Rechte. Die Pflege alter Bräuche, Tänze, Gesänge und nicht zuletzt natürlich ihrer Sprachen ist sicherlich ein ungemein wichtiges zusätzliches, vielleicht sogar das wichtigste Element des neuen indianischen Selbstbewusstseins.

Als weiter gehende Literatur ist zu empfehlen:

Außerdem gibt es eine Buch-Sammlung authentischer Indianer-Kinderspiele, allerdings nur für Jugendliche und Erwachsene geeignet. Die Sitten waren damals entsprechend den rauen Lebensbedingungen auch bei Kinderspielen etwas rauer. Näheres gibt's hier !


Tipp: Mythologie

Wer einmal eine Kostprobe der indianischen Mythologie haben möchte, dem sei die Fabel vom "Bruch zwischen Mensch und Tier" aus dem Sagenschatz der Irokesen empfohlen.

Wer einmal in Indianer-Gesänge 'reinhören möchte, kann per Mausklick einen Gesang der Cheyenne anhören.

 


© 2001-2003 D. Konopatzki