Dietmar - Bogenschießen


Bogenschießen als Therapie

(dpa-Meldung am 5.6.2001)

Janet ist eine von zwölf Jugendlichen und Kindern, die in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universitätsklinik Tübingen an den therapeutischen Bogenschieß-Stunden teilnehmen. Die Einrichtung ist nach eigenen Angaben bundesweit die einzige Kinder- und Jugendpsychiatrie, die diese Art von Körpertherapie anbietet.

Sirrend fliegt der Holzpfeil mit den bunten Federn Richtung Zielscheibe. Ganz knapp nur verfehlt er die Mitte. Janet lässt den Bogen langsam sinken und setzt sich auf die Matte. «Die innere Spannung wird durch das Bogenschießen erleichtert, das merkt man schon», sagt die 17-Jährige.

Die Idee zu diesem Projekt kam Körpertherapeut Harald Maier und Krankenpfleger Michael Lindner vor vier Jahren: Beide hatten das Bogenschießen im Zusammenhang mit chinesischer Medizin bzw. mit fernöstlicher Kampfkunst (Aikido) erlernt. Dabei wurde ihnen klar, dass das Bogenschießen mit seiner Wirkung auf Körper und Psyche eine sinnvolle Ergänzung der Therapie bei Jugendlichen und Kindern mit psychischen Erkrankungen sein könnte. «Von großer Bedeutung dabei ist das Erleben von Spannung und Entspannung sowie die Förderung der inneren und körper-bezogenen Wahrnehmung und der zielgerichteten Konzentration», erläutert Maier. Auch Zielstrebigkeit, die Auseinandersetzung mit Misserfolg und Frustration sowie das Selbstwertgefühl werden dabei gefördert.

Nach verschiedenen Workshops, die Maier und Lindner angeboten hatten, stieg das Interesse am therapeutischen Bogenschießen auch außerhalb der Universitätsstadt: Die Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie erhielt Anfragen von sozialen Einrichtungen in Ulm, Bad Kreuznach und Berlin. Derweil denkt Maier über eine neue Variante des therapeutischen Bogenschießens in Tübingen nach: «Als nächstes wollen wir versuchen, einen geeigneten Platz in der Natur zu finden, um mit Pfeil und Bogen zu schießen - das ist für die Jugendlichen ein besonderes Erlebnis.»

Gunther Klosinski, ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter, betrachtet das Bogenschießen als einen wichtigen Baustein in einem komplexen Geschehen: «Die Betroffenen finden dadurch Entspannung und können sich besser konzentrieren, was den gesamten Therapieprozess unterstützt und fördert.» Eingebettet ist das Bogenschießen in das Konzept der Körpertherapie, die einen wichtigen Zugang zu den Patienten bietet.

Neben dem Bogenschießen werden auch andere Sportarten im Rahmen der Körpertherapie eingesetzt. Sehr beliebt ist das Trampolinspringen: Schon seit 15 Jahren steht diese Sportart in der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Programm. Einen hohen Stellenwert bei den Patienten besitzt auch das Tischtennis.

Die meisten der jungen Patienten, die unter Psychosen, Zwangsneurosen, Ängsten, Depressionen oder Essstörungen leiden, leben ein halbes oder gar ein ganzes Jahr auf den drei Stationen der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Diese lange Verweildauer der Patienten sieht Maier als positiv an: «Psychische Entwicklungen brauchen Zeit. Wenn man die nicht hat, kommt es nur zu kurzfristigen Veränderungen, die nicht fruchten, weil sie keinen Boden haben.»


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